Als Grundlage für Klarheit und gegenseitige Passung
Wer über erfolgreiche Personalauswahl spricht, stößt unweigerlich auf das Thema Passung. Neben der fachlichen Eignung rücken zunehmend Begriffe wie Cultural Fit oder Team Fit in den Vordergrund. Doch obwohl die Vielschichtigkeit von Passung mittlerweile geläufig ist, wird in vielen Auswahlprozessen der Begriff einseitig verstanden: Das Unternehmen prüft, ob die Bewerberin oder der Bewerber zur Aufgabe, zur Unternehmenskultur und zum Team passt. Was dabei häufig zu kurz kommt, ist die umgekehrte Perspektive.
Auch die Bewerberin oder der Bewerber muss für sich beurteilen können, ob eine Tätigkeit, das Arbeitsumfeld und die Organisation zu den eigenen
Vorstellungen passen. Wenn Einblicke zu abstrakt bleiben oder Benefits bewusst geschönt dargestellt werden, können leicht Missverständnisse entstehen. Enttäuschungen kurz nach dem Jobstart lassen sich in vielen Fällen auf überhöhte Erwartungen zurückführen, die im Auswahlprozess geweckt wurden, aber der Realität nicht standhalten.
Die Ergebnisse der Haufe Onboarding-Studie 2023 bestätigen diese Annahmen: Falsche Erwartungen an die Tätigkeit (56 Prozent), Schwierigkeiten mit dem Team oder der Führungskraft (38 Prozent) sowie Unstimmigkeiten mit dem Cultural Fit (28 Prozent) zählen zu den häufigsten Gründen für eine Kündigung innerhalb des ersten Beschäftigungsjahres.
Kommt es zu einer frühen Trennung, entstehen erhebliche Kosten. Neben den Ausgaben für das Recruiting fallen auch Einarbeitungszeiten und Aufwände für Material und Onboarding mit insgesamt häufig mehreren Tausend Euro an. Der Auswahlprozess sollte daher nicht nur als Entscheidungsmoment verstanden werden, sondern als strategisches Instrument, um tragfähige und nachhaltige Arbeitsverhältnisse zu schaffen.
Eine realitätsnahe Berufsvorschau („realistic job preview“) verfolgt das Ziel, Bewerberinnen und Bewerbern ein möglichst klares, unverfälschtes Bild der späteren Tätigkeit zu vermitteln. Es geht darum, nicht nur die Vorteile und Entwicklungsmöglichkeiten zu beschreiben, sondern auch den tatsächlichen Arbeitsalltag, mögliche Nachteile und typische Rahmenbedingungen sichtbar zu machen.
Es wird bewusst darauf verzichtet, die Tätigkeit oder das Unternehmen in idealisiertem Licht darzustellen. Stattdessen werden zentrale Merkmale offen und ehrlich benannt. Diese Erwartungsklärung hilft beiden Seiten: Die Bewerberin oder der Bewerber kann eine fundierte Entscheidung treffen, gleichzeitig signalisiert das Unternehmen Interesse an einer langfristig tragfähigen Zusammenarbeit und nicht nur an einer schnellen Besetzung.
Die Wirkung realitätsnaher Berufsvorschauen ist in zahlreichen Studien untersucht worden. Eine zentrale Quelle ist die Meta-Analyse von James M. Phillips (1998), die über 40 empirische Untersuchungen auswertet.
Es wird deutlich, dass Bewerberinnen und Bewerbern bereits im Auswahlprozess möglichst konkrete Einblicke in Arbeitsinhalte, Aufgabenkomplexität und das zukünftige Umfeld erhalten sollten, um langfristig stabilere Beschäftigungsverhältnisse zu erreichen. Konkret bedeutet dies, dass eine realistische Berufsvorschau:
Besonders anschaulich belegt eine Untersuchung von Buckley et al. (1998) die Bedeutung transparenter Einblicke. Die Studie wurde in einem Fertigungsunternehmen durchgeführt und untersuchte Mitarbeitende in produktionsnahen Tätigkeiten. Dabei wurde eine realitätsnahe Berufsvorschau in Form eines Videos eingesetzt, das realitätsnahe Szenen aus dem Arbeitsalltag präsentierte.
In der Kontrollgruppe trennten sich nach sechs Monaten 22 Prozent der neuen Beschäftigten wieder vom Unternehmen, während es in der Gruppe mit realistischen Einblicken nur 2,5 Prozent waren. Nach einem Jahr lag die Fluktuation bei 31 Prozent gegenüber 13 Prozent. Die Ergebnisse zeigen, dass konkrete Informationen über den Arbeitsplatz, insbesondere in schwer greifbaren Tätigkeitsfeldern, wesentlich zur Entscheidungssicherheit beitragen.
| Fluktuation | Kontrollgruppe | Gruppe mit realitätsnahen Einblicken |
|---|---|---|
| Nach 6 Monaten | 22 % | 2,5 % |
| Nach einem Jahr | 31 % | 13 % |
Wer Bewerberinnen und Bewerbern ein klares Bild von Aufgabe und Umfeld vermitteln möchte, sollte realistische und authentische Formate gezielt in den Auswahlprozess integrieren. Ziel ist es, zentrale Merkmale der Tätigkeit verständlich zu vermitteln und gleichzeitig sicherzustellen, dass Aussagen über Unternehmenskultur, Benefits oder Führung auch im tatsächlichen Kontakt mit dem Unternehmen nach-vollziehbar bleiben. Es reicht nicht, über Werte oder Vorteile zu sprechen, entscheidend ist, ob diese für Bewerberinnen und Bewerber erlebbar werden.
Typische Maßnahmen für solche Einblicke sind Probearbeitstage, begleitete Rundgänge durch Arbeits-bereiche, Gespräche mit potenziellen Kolleginnen und Kollegen oder kurze Kennenlerntage. In der Praxis erleben wir, dass sich diese Formate bewähren. Kunden berichten von einer insgesamt kaum wahrnehmbaren Fluktuation innerhalb der ersten Monate. Das kann darauf zurückzuführen sein, dass sie gezielte Begegnungen mit dem Arbeitsumfeld schaffen. Zum Beispiel durch mehrtägige Probearbeit, Produktionsbegehungen im Rahmen der Vorstellungsgespräche oder Einblicke in angrenzende Bereiche wie Kantine, Kita oder das betriebsinterne Fitnessangebot. So wird das Unternehmen als Ganzes greifbar, nicht nur in Worten, sondern im direkten Erleben.
In der Kontrollgruppe trennten sich nach sechs Monaten 22 Prozent der neuen Beschäftigten wieder vom Unternehmen, während es in der Gruppe mit realistischen Einblicken nur 2,5 Prozent waren. Nach einem Jahr lag die Fluktuation bei 31 Prozent gegenüber 13 Prozent. Die Ergebnisse zeigen, dass konkrete Informationen über den Arbeitsplatz, insbesondere in schwer greifbaren Tätigkeitsfeldern, wesentlich zur Entscheidungssicherheit beitragen.
Besonders wichtig sind solche Einblicke dort, wo Tätigkeiten stark vom Setting des Bewerbungsverfahrens abweichen, zum Beispiel im Produktionsumfeld. Bewerbungsgespräche finden häufig in Büroräumen statt, während der tatsächliche Arbeitsplatz laut, körperlich anspruchsvoll oder mit besonderen Schutzvorgaben verbunden ist. Diese Differenz kann dazu führen, dass Bewerberinnen und Bewerber sich vorab nur schwer vorstellen können, was sie erwartet. Begehungen, kurze Praxiseinblicke oder das Mitlaufen an einem typischen Arbeitstag helfen, diese Lücke zu schließen.
Auch im Ausbildungsbereich zeigt sich, wie wichtig eine greifbare Darstellung ist. Unsere Kunden berichten, dass Ausbildungsabbrüche in den letzten Jahren mehrfach auf falsche Vorstellungen über den Beruf oder das Arbeitsumfeld zurückgehen. Praktika, Schnuppertage oder der direkte Austausch mit Auszubildenden unterstützen dabei, Erwartungen frühzeitig zu klären. Eine enge Kooperation mit Schulen kann dabei unterstützen, den Ausbildungsberuf für junge Menschen greifbar zu machen.
Der Artikel zeigt, dass ein Auswahlprozess nicht als einseitige Prüfung der Passung verstanden werden sollte, sondern vielmehr als gemeinsamer Entscheidungsprozess, in dem beide Seiten prüfen, ob Aufgabe, Umfeld und Erwartungen zueinander passen. Dafür braucht es Formate, die über Gesprächssituationen hinausgehen und die Arbeitsrealität sichtbar machen.
Maßnahmen wie Probearbeitstage, Begehungen, Gespräche mit dem Team oder kurze Kennenlerntage helfen nicht nur dem Unternehmen bei der Einschätzung. Sie ermöglichen auch Bewerberinnen und Bewerbern, auf einer tragfähigen Grundlage zu entscheiden. Besonders bei Tätigkeiten außerhalb klassischer Büro-situationen, etwa in Produktion, Logistik oder gewerblich-technischen Bereichen, ist das Erleben vor Ort oft entscheidend, um Fehleinschätzungen zu vermeiden.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Aussagen über Benefits, Kultur oder Führung erlebbar gemacht werden können. Ein glaubwürdiger Auswahlprozess zeigt, ob das, was kommuniziert wird, auch mit der Realität übereinstimmt. Ein Auswahlprozess, der auf Transparenz, Orientierung und Substanz setzt, ist nicht nur effizienter, sondern vor allem nachhaltiger. Und genau darin liegt seine Stärke und der Nutzen für jedes Unternehmen.
Buckley, M. R., Fedor, D. B., Veres, J. G., Wiese, D. S., & Carraher, S. M. (1998). Investigating newcomer expectations and job-related outcomes. Journal of Applied Psychology, 83(3), 452–461.
Haufe Online Redaktion. (2023). Studie offenbart zu wenige Strukturen beim Onboarding. Haufe Group.
Phillips, J. M. (1998). Effects of Realistic Job Previews on Multiple Organizational Outcomes: A Meta-Analysis. The Academy of Management Journal, 41(6), 673–690.